Unveränderte Ausgangslage nach regelrechter Lotterie

Oberliga Württemberg 2025/26   Runde 8:
Stuttgarter Schachfreunde 1   –   SVE   4:4

Letztlich schlug sich die Erste achtbar gegen den hohen Favoriten, aber angesichts der für ein Aufstiegsmatch in die BW-Oberliga insgesamt erstaunlich mäßigen Spielqualität spielte wohl der Zufall die größte Rolle beim Ausgang des Matches, das unsere Chancen auf einen möglichen Aufstieg nicht vergrößert, aber auch nicht wirklich geschmälert hat. Offenbar war beiden Teams die Anspannung anzumerken, denn bereits ein halber Brettpunkt mehr oder weniger hätte die Tabellensituation komplett auf den Kopf stellen können, was je nach Caissas Laune auch ohne Weiteres hätte passieren können.

Neben grenzwertigen Spielbedingungen (knarzende Dielenböden) und einer reichlich seltsamen Begrüßung durch die Gastgeber gab es gleich zu Beginn eine weitere Merkwürdigkeit zu verzeichnen: der Spitzenspieler der Stuttgarter erschien trotz der Bedeutung des Matches nicht, so dass der SVE durch Bernd Grill (1) kampflos in Führung ging. Dies gab unserem Team einen gewissen Auftrieb, denn Michael Rupp (2) kompensierte mit kraftvollem, dynamischem Spiel seine geschwächte Königsfestung und knöpfte seinem Gegner eine Qualität ab – nur um kurz darauf durch einen ärgerlichen Fehler fast wieder den gesamten Vorteil einzubüßen, doch dank weiterer tatkräftiger gegnerischer Mithilfe war der Sieg dann aber doch schneller als erwartet eingetütet.

Trotz nomineller Überlegenheit der Stuttgarter
auf dem Papier sprangen
an den Brettern 4 bis 7 zwei Punkte heraus

Dann fing das große Zittern an, denn gerade an den mittleren Brettern machte sich die größere Spielstärke der Gastgeber recht deutlich bemerkbar. Werner Junger (6) stand die ganze Zeit mit dem Rücken zur Wand, profitierte aber letztlich dank zäher Verteidigung von einem gegnerischen Fehler in Zeitnot, der die unverhoffte Wiederherstellung des Gleichgewichts und den baldigen Friedensschluss zur Folge hatte. Maßgeblich für den Ausgang des Kampfes war unter anderem das spannende Duell von Dietmar Kessler (3), der in schwieriger Lage großes Kämpferherz bewies und sich aus einer heiklen Lage unverhofft wieder befreien konnte. Leider erspähte er in zweischneidiger Lage eine vermeintliche Gewinnkombination, die stattdessen zur Niederlage führte, während ein subtiler Königszug anstelle der Kombination die Stellungsbewertung auf den Kopf gestellt hätte. Die Partie von Nils Wurmbauer (4), der von seinem höher eingestuften Gegner dank eines unaufhaltsamen Freibauern klar überspielt worden war, ging dagegen deutlich und chancenlos an die Gastgeber. Eine weitere Schlüsselpartie war die Begegnung am letzten Brett, wo Jan Hoyler (8) die Stellung aus der Eröffnung heraus nicht hatte ausgleichen können. In für ihn strategisch bereits verlorener Stellung stellte sein Gegner dann aus heiterem Himmel eine Figur ein, doch blieb selbst dieser Lapsus leider unbestraft, wonach die Partie wieder in gewohnten Bahnen zu Ende ging und mit einem weiteren Punktgewinn für Stuttgart endete. Auch Uli Junger (7) hatte die Eröffnung zu passiv behandelt und sah sich bald mit ernsten Schwierigkeiten konfrontiert:

Die Stellung ist zweischneidig, aber objektiv fraglos günstig für Schwarz, da Weiß ohne ausreichende Kompensation einfach einen Bauer weniger hat. Mit dem umsichtigen 22… Dd8-d7 hätte Schwarz alle Vorzüge seiner Stellung behalten, um die langsame Vertreibung des weißen Turms mit Sa5-c6 vorzubereiten. Stattdessen verfiel er auf die ungesunde Idee, den Eindringling sofort mit 22… Le7-f6? verjagen zu wollen – offenbar in dem Glauben, der weiße Turm würde sich verheddern, sollte er auf f5 zugreifen. Uli spazierte aber sehenden Auges in die „Falle“ mit 23. Te5xf5!! und opferte nach 23… g7-g6 24. Tf5xf6 nur zu gerne die Qualität, um über den geschwächten schwarzen Königsflügel herzufallen. Nach 24… Dd8xf6 25. Sf2-g4 hatte er seine Figuren befreit und bereits volle Kompensation erlangt, die nach der weiteren Fortsetzung  25… Df6-g7 26. Lb2-c1! Lf7-e6? schon ausgebaut werden konnte. Unbedingt notwendig war stattdessen das zweischneidige 26… h6-h5, denn nun kippte die Partie weiter nach 27. Sg4xh6+!?, obwohl die nicht leicht zu sehende Abwicklung 27. f4-f5! g6xf5 28. Dc2-e2! (nicht schlecht ist auch das einfache 28. Sg4xh6+) den Vorzug verdient hätte. Schwarz‘ einzige Chance auf Widerstand hätte in 27… Dg7xh6 28. f4-f5 Dh6-h5 bestanden, denn nun verlor der Nachziehende endgültig die Übersicht und revanchierte sich mit dem Hasenzug 27… Kg8-h7?, der Uli nach 28. f4-f5! g6xf5?! 29. Dc2-e2! schon nahezu siegbringenden Vorteil einbrachte. Die Partie ging noch viele weitere Züge, aber das erwartbare Ergebnis geriet nie in Gefahr.

Nach diesem Sieg bleibt noch die Partie von Hartmut Hehn (5), der seinem stärker eingestuften Gegner zäh Paroli bot und keinerlei Ungleichgewicht zugelassen hatte. Es ist zwar wahr, dass beide Spieler je einen unbestraft gebliebenen schwachen Moment hatten, aber ansonsten war das Gleichgewicht in dieser ausgeglichenen Partie, die uns zumindest das Unentschieden für die Mannschaft sicherte, nie gefährdet.

Hier das Endergebnis dieses turbulent verlaufenen Kampfes in der Übersicht:

Brett Stuttgarter SF 1 SV Ebersbach 1 Brettpunkte
1 Kvetny, Mark 2390 Grill, Bernd 2165 -:+
2 Neyman, Igor 2298 Rupp, Michael 2179 0:1
3 Nunez Grégoire, Daniel 2181 Kessler, Dietmar 2225 1:0
4 Yasmo, Daniil 2193 Wurmbauer, Nils 2060 1:0
5 Lorscheid, Gerhard 2189 Hehn, Hartmut 1996 ½:½
6 Fritsch, Rolf 2160 Junger, Werner 2018 ½:½
7 Kalia, Anant 2015 Junger, Ulrich 1936 0:1
8 Zhong, Letong 1831 Hoyler, Jan 1804 1:0
Gesamtergebnis 4,0:4,0

Damit bleibt es speziell für die Zuschauer am letzten gemeinsamen Spieltag der Oberliga auf dem Bildungscampus in Heilbronn am Sonntag, den 19. April 2026, unerhört spannend. Theoretisch können sich gleich drei Teams noch Hoffnungen auf den Aufstieg machen, denn punktgleich an der Spitze stehen die Erste von Stuttgart, der SVE und die Mannschaft von Sontheim. Die besten Karten behalten weiterhin die Stuttgarter Schachfreunde, die es mit Grunbach zu tun bekommen und 1,5 Brettpunkte vor unserem Team stehen. Der SVE bräuchte für bessere Chancen einen hohen Sieg gegen Schwäbisch Gmünd, das theoretisch noch nicht vollständig vor dem Abstieg gerettet ist, während es Sontheim mit der Zweiten des Heilbronner SV zu tun bekommt und wegen der schlechtesten Brettpunkte nur dann noch eine Chance hätte, wenn sowohl die Schachfreunde als auch der SVE Federn lassen würden. Komplettiert wird der Spieltag von dem Abstiegskracher zwischen Wernau und der Zweiten der Stuttgarter Schachfreunde – wer verliert, steigt definitiv in die Verbandsliga ab. Seit diesem Spieltag steht auch fest, dass Heilbronn-Biberach der zweite Absteiger der Saison sein wird, da drei Teams absteigen werden und mindestens eine Mannschaft an dem spielfreien Verein vorbeiziehen wird.

Wir freuen uns über zahlreiche Zuschauer, denn unabhängig vom finalen Ausgang dürfte diese extrem ausgeglichene Saison schon jetzt in die Annalen des Verbands eingehen.

Kommentar hinterlassen